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Von der Risiko- zur Chancensicht

Via Risknet • Frank Romeike
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Wer kennt ihn nicht, den Münzwurf als Entscheidungshilfe. "Kopf oder Zahl", sei es bei der Seitenwahl im Fußball, in Liedern, wie von den Toten Hosen oder in Filmen, wo der Münzwurf über Leben und Tod entscheiden soll. Was dahinter steht, ist Risiko und Chance. Und beide Seiten liegen eng beieinander, sind untrennbar miteinander verbunden.

Im englischen "risk" treten diese Seiten ein und derselben Medaille deutlicher hervor als bei unserem deutschen Risiko, wo wir zunächst nur an die negativen Ausprägungen denken. Im anglo-amerikanischen Raum wird demgegenüber von "upside risk" und "downside risk" gesprochen. Anders formuliert: Das Risiko, ein definiertes Ziel nicht zu erreichen, wird auch als "downside risk" bezeichnet. Dem gegenüber steht die Chance, dass ein Ziel besser erreicht wird, als ursprünglich geplant ("upside risk").

Leider sehen viele Unternehmen in unserem Sprachraum lediglich die reine Risikoseite der Medaille. Risikomanager beschränken sich dabei auf den Blick in den Rückspiegel und sehen Krisen und Gefahren, auf die sie nur reagieren, statt zukunftsgerichtet zu agieren. Im Klartext: Es fehlt an einem klaren Chancenmanagement in vielen Organisationen.

Von Floskeln …

Wer die externen Risikoberichte der meisten Unternehmen aufschlägt, den erwarten blumige und zukunftsträchtige Bild- und Wortwelten. Dort ist die Rede von "Chancenmanagement als beständige unternehmerische Aufgabe", dem "strategischen Planungsprozess" oder einem "integralen Bestandteil" samt "Unternehmenskultur". Schön, viel Strategie, Prozess, Unternehmen und Kultur. Leider ist es in der Realität meist nicht weit her mit solchen Aussagen. Im Gegenteil verbergen Unternehmen und ihre Chefetagen mit solchen Floskeln die Wahrheit. Und die liegt meist im Argen. Mit anderen Worten: Es wächst die Gefahr, Chancen zu verpassen. Oder wie war doch gleich die Frage des Top-Managers der fiktiven New Yorker Bank im Film "Der Große Crash": Haben wir einen Notfallplan? Nein, erwidert die Managerin. Das bekannte Resultat lautet Chaos und wildes Reagieren. So kommt beispielsweise der neue "Allianz Risk Barometer 2015" zu dem Ergebnis, dass Cyberrisiken noch immer in ihren Auswirkungen unterschätzt werden. "Dies ist auch der Hauptgrund (73 Prozent) dafür, dass Unternehmen noch keine besseren Vorkehrungen zur Bekämpfung von Cyberrisiken getroffen haben", so ein Resultat der Studie.

… und dem interdisziplinären Arbeiten

Es gilt vor allem interdisziplinär zu arbeiten und unterschiedliche Fachdisziplinen in Organisationen an einen Tisch zu bringen – vom IT-Experten bis zum Business-Continuity-Manager – unter der Leitung eines Risikomanagers. In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "brand eins" brachte es Clifford Rossi, Professor an der Robert Smith School of Business der Universität Maryland, auf einen einfachen Nenner. Auf die Frage: "Wenn Sie einmal etwas wirklich Riskantes tun wollten, was wäre das?" antwortete Rossi: "Wenn ich das tun würde, würde ich es sehr methodisch angehen. Etwa bei der Geldanlage. Ich würde mich fragen: Wie viel Risiko sollte es sein? Und dann würde ich es machen wie beim Segeln: Ich schaue mir den Wetterbericht vorher an, ich packe meine Notfallausrüstung, falls auf dem Wasser etwas passiert, ich habe eine Karte dabei. Man muss das Risiko kennen und kann sich dann überlegen, wie man sich ordentlich absichert. Das wäre meine Methode." Interdisziplinäres Arbeiten par excellence.

An dieser Stelle zählt die alte Weisheit: Keep it simple, stupid. Denn viele Unternehmen versteigen sich in großen Lösungswegen im Risikomanagement, ohne zu bedenken, dass das Thema unternehmensweit verankert und wirksam sein muss – auch in Bezug auf das Chancenmanagement. Vor allem Gesetzesverschärfungen fordern von Vorständen und Geschäftsführern die Überwachung dieses Gesamtprozesses und setzen voraus, dass die Unternehmensleitung das Funktionieren dieser Prozesse reibungslos funktioniert. Ergo geht es um die Risikoseite sowie die positive Kehrseite der Medaille und die heißt Chancen wahren.

Bild des Benutzers Kim Heinz
Kuratiert
am 05.05.2015 von
Kim Heinz

Risikomanagement bedeutet nicht einfach sämtliche Risiken zu vermeiden, sondern auch Chancen zu managen.

Frank Romeike ist Gründer des Kompetenzzentrums RiskNET - The Risk Management Network. Er ist Geschäftsführer und Eigentümer der RiskNET GmbH sowie Gründer und Gesellschafter von RiskNET Advisory & Partner. Außerdem ist er verantwortlicher Chefredakteur (V.i.S.d.P.) der Zeitschrift "RISIKO MANAGER", die alle 14 Tage erscheint und sich schwerpunktmäßig mit den Themen Kreditrisiko, Marktrisiko, Operationelles Risiko und Enterprise Risk Management (ERM) auseinandersetzt. Er zählt international zu den renommiertesten und führenden Experten für Risiko- und Chancenmanagement und coacht seit rund 20 Jahren Unternehmen aller Branchen und Unternehmensgrößen rund um die Themengebiete Risiko- bzw. Chancenmanagement und Wertorientierte Unternehmenssteuerung. Im Rahmen von Intensiv- und Inhouse-Seminaren der Risk Academy hat er mehr als 6.500 Risikomanager ausgebildet bzw. gecoacht. An der HDU ist er fachlicher Leiter des akkreditierten Masterstudiengangs "Risiko- und Compliancemanagement".